Besuch bei den Amischen

Familien-Zahnbürsten, gut organisiertUnter meinen Fingernägeln klebt noch die Erde von der morgendlichen Feldarbeit als ich gegen Abend ins Flugzeug einsteige  – was für ein starker Szenenwechsel!
Meine Freunde tragen Bonnets und einfarbige dunkle, lange Kleidung. Das könnte ich nicht. Vor allem, wenn es so richtig heiß wird! Ich lehne mich zurück in meinem gepolsterten Sitz und schließe die Augen. Die Männer haben es besser. Sie tragen Strohhüte.

Ein Tag war ich wieder bei ihnen. Diesmal war’s nur eine kurze Stipvisite vor dem Heimflug zu meiner texanischen zweiten Heimat Houston. Ich höre noch die vielen Vögel zwitschern, die Pferde schnauben, die jungen Kücken piepsen.  Das Flugzeug rollt zur Startbahn, während die Flugbegleiter ihren ewigen Rhabarber über Flugsicherheit herunterspulen. Beim Abheben schaue ich aus dem Fenster. Grüne Hügel, Wälder, vereinzelte Siedlungen und Straßen überall. Von meinem Flußtal nichts zu sehen. Ich denke: Woran erkennt man amische Häuser schon von weitem? An der quer vor dem Haus gespanten Leine mit Kürbissen, “gourds”, in denen die Martins im “Friehyaahr” nisten.

buggy400Sie zwitscherten gerade und schauten vereinzelt aus den engen Öffnungen heraus, als ich gestern angekommen bin. Freunde der Familie sind zum Abendessen eingetroffen. Ihr Pferdegespann steht vor der Tür. Statt geschlossenem Buggy hat man hier offene Wagen. Ich werde schon erwartet. Meine Gastgeber für eine Nacht machen “Heuhaufen” und Vanilleis für heute abend. Kaum bin ich aus meinem Zivilisations-Vehikel ausgestiegen, kurble ich schon die Eismaschine mit. In der Mitte befindet sich ein  Zylinder mit der Vanille-Masse. Aussen füllt man Eisstücke ein, die durch Zugabe von Salz noch kälter werden. Die Kurbelei  ist ziemlich schweißtreibend, bis sich die flüssige Masse im Zylinder in Vanilleeis verwandelt hat.

Unsere Vorfahren haben es sicher ähnlich gemacht. Vieles erinnert an längst vergangene Zeiten, die ich trotz meiner 58 Jahre  nur aus Überlieferungen kenne. Ob die Gesichter damals auch alle so heiter und gelöst waren? Jedes Mädchen, jeder kleiner Bub hier hat ein Engelsgesicht. Wenn sie den Mund aufmachen, dann hört man nur lockere, gelöste Rede, ohne Eitelkeit und Krampf. Dadurch gewinnen diese Geschöpfe noch mehr an Schönheit, wenn das überhaupt möglich ist. Selbst die älteren Frauen, in meinem Alter oder älter, lassen sich wie ein offenes Buch lesen: ungekünstelte Freundlichkeit und Offenheit. Gerne bereit zum Reden und Zuhören, und das selbst mir gegenüber, einer Besucherin aus einer anderen Welt.

Sie sprechen noch heute einen alten deutschen Dialekt aus der Gegend Baden/Alsaß/Schweiz. Allerdings werden mehr und mehr Worte durch’s Englische ersetzt. Man ist doch nicht ganz unabhängig von seiner Umgebung. Selbst diese  strenggläubige Gemeinde nicht, und dabei kennt man hier nicht einmal  “Rumspringe”  der Teenager, wie es in anderen amischen Gemeinschaften üblich ist, bevor sie  sich taufen lassen und sie sich endgültig entscheiden, ob sie der Gemeinde ein Leben lang angehören wollen.

Meine Freunde, die ich kühn so nennen will, obwohl ich nicht zu ihnen gehöre, wohnen in einem fruchtbaren Flußtal in Kenntucky. Manche wohnen auf den umliegenden, bewaldeten Hügeln. Die allermeisten verstehen ihr Leben mit praktischer Intelligenz gut einzurichten. Doch was für mich zu Anfang besonders erstaunlich war, ist, dass die Häuser auf den Hügeln nicht einmal eine Quelle in der Nähe haben. Sie waschen ihre Kleidung mit gesammeltem Regenwasser vom Dach und Containern. Wenn es ausgeht, dann holt man mit Pferde- oder Ponyfuhrwerk das Wasser von weiter unten.
Meine Herbergsfamilie hat dagegen eine Pumpe im Haus. Das ist verhältnismässig komfortabel, auch wenn man mit Eimern das gepumpte Wasser zum Spülen in die Küche tragen muss. Wäschewaschen empfinde ich als die härteste Arbeit, weil  bei einem 9köpfigen Haushalt viel anfällt und alles mit der Hand gewaschen wird.  6 der 7 Kinder sind Buben, d.h. alle Buben, soweit sie groß genug sind – der jüngste ist 7 Monate alt, der älteste 11 Jahre – helfen im Haushalt sehr aktiv mit:

“Dan, Du musst die Stube fegen!”, ruft Susanna, als wir das Haus verlassen, um im Gemüsefeld etwas fürs Mittagessen zu ernten. Vorher haben Jonas, seine Brüder und ich Käfer, “Colorado Potatoe Beetles”, aus den Kartoffelstauden in Eimer geschüttelt. Das ist die organische Version von Ungezieferkontrolle und funktioniert ziemlich gut, wenn man es alle paar Tage wiederholt.

Dan macht sich an die Arbeit. Nichts muss zweimal gesagt werden. Die “Chores”  werden sofort ausgeführt. Kein Widerwort, keine erregten Stimmen, keine Ungeduld und Hast. Jeder und jede ist das Arbeiten gewohnt. Als wir wieder von draußen kommen, hat Susanna’s Schwester Lois es sich im Schaukelstuhl gemütlich gemacht. Die Füsse hat sie auf einen Stuhl hochgelegt. Aus der weiten Schürze quellen Massen Erbsenschoten, die aus der Schote ausgepellt in einer Schüssel im Schoß landen. “Das ist, was ich am liebsten tu!” schwärmt Lois wie jemand der im Liegestuhl am Swimmingpool liegt und  gelegentlich lässig einen Schluck aus dem Limonadenglas nimmt. Das ist das Dolce Vita auf Amisch! Es gibt keinen Müßigang hier. Es gibt nur leichtere und schwerere Arbeiten.

Aufgestanden wird morgens zwischen 4:30 und 5 Uhr. Nach dem Kuhmelken gibt es großes Frühstück mit Griesbrei, gebratene Eier (“over easy”), Reste vom Eintopf vom Vortag, selbstgebackenes Brot, selbstgemachte Butter, Joghurt, Hüttenkäse, Molasse, Kräutertee und ab und zu Kaffee. Danach geht Abram, der Vater des Hauses, zum Pferde-Beschlagen und später zum Heuen mit ein paar Freunden und Nachbarn. Susanna verarbeitet heute Massen von Erdbeeren zu Konserven. Die Familie hat sie bei Sonnenaufgang am Vortag gepflückt. Ein Teil davon landet auch frisch im Marktladen, in dem Fremde aus der Nachbarschaft einkaufen. Dort gibt es viele Früchte und Gemüse der Saison. Auch selbstgebackenes Brot, spritzgebackene Obsttaschen und Heilsalben. Vieles ist hier selber hergestellt. Ausser Lebensmittel auch viele Gebrauchtsgegenstände. Auch Schränke werden gezimmert, Zaumzeug und andere Lederwaren hergestellt und natürlich alle Kleidung selber genäht. Mancher würde einwenden: “Why reinvent the wheel?” Aber genau das ist der Punkt: Wer sagt, dass es schlecht ist, das Rad nochmals zu erfinden? Es geht doch nicht nur um das Endprodukt, sondern auch um den Prozess, es zu lernen. Hier wird mit Freuden das Rad nochmals erfunden und ein großes Stück Lebensqualität gewonnen. Der nächsten Menschheits-Katastrophe kann man hier getrost ins Auge blicken.

Die Gemeinschaft besteht zur Zeit aus rund 30 Familien mit rund 8 bis 12 Kindern pro Familie. Neues Land wird ständig dazu gekauft, und zwar von umliegenden Nachbarn, die ihre Landwirtschaft aufgeben wollen. Die Gemeinschaft vergrößert sich rasch. Aber es gibt auch Zuwanderung von Leuten, die sich in der Gemeinschaft auf Probe niederlassen wollen. Manchmal bleiben sie, manchmal ziehen sie nach ein paar Monaten oder Jahren wieder fort. Alle sind in der Gemeinschaft willkommen, wenn sie sich in allen Aspekten des Lebens hier wirklich einfügen können. Das wichtigste ist, bescheiden zu bleiben. Deshalb ziehen sich auch alle dunkel-blau, -grün, -braun und -graue Farben an. Auch Gürtel sind verpönt, und Muster, und Knöpfe bei den Frauen.  “Fancy” ist hier ein Wort, das man nur benützt, um zu zeigen, was man nicht will: auf keinen Fall auffallen und Eitelkeit zeigen.

fish400Heute bringt ein junger Bub in einem Leiterwagen einen großen Rockfish vorbei. Er ist fast einen Meter lang. Er schildert mit einfachen Worten, wie er ihn gefangen hat: mit einem lebenden kleinen Fisch. Alle stehen um den Leiterwagen herum und staunen.  Er muss eine sehr starke Leine gehabt haben. Ein Teil des Filets ist schon herausgeschnitten. Jetzt wird er an andere verteilt.

Ich verbringe die Nacht in einem Gästezimmer unterm Dach. Der Raum ist einfach und sauber. Alle anderen, d.h. die ganze 9köpfige Familie, schläft in insgesamt zwei Zimmern: Die Eltern mit den zwei jüngsten im Erdgeschoß, alle anderen in einem Zimmer neben meinem. Dekorationen gibt es im Haus keine außer einem amischen Kalender und einer kleinen Wanduhr.  Hund und Katz leben im Freien und bekommen kein spezielles Tierfutter. Sie bekommen Küchenreste: mal Gemüse, mal Fleischreste, mal Milchprodukte. Wenn es im Winter zu kalt wird, dann kann das schon ihr Leben verkürzen. Aber sie säen sich von selber aus und bekommen auch freundliche Worte und Streicheleinheiten.

Vor meiner Abreise  mache ich noch ein paar Besuche. Der eine schenkt mir Tomaten, die andere Erdbeermarmelade, meine Hauseltern frisches Gemüse für den Koffer und Erdbeeren für den Weg. Ich weiß: Bald werde ich in meinem Flieger sitzend irgendwo in der Nähe vorbeifliegen. John, mein 11jähriger Freund und Arbeitskollege im Gemüsefeld, fragt mich, wann das ungefähr sein werde. Ich sage: ”Um 7 Uhr, ich werde winken.” “Und ich werde schauen!” sagt John. Dann fügt er an: Wahrscheinlich werde ich niemals in einem Flugzeug sitzen.” Ich sage nüchtern: “Ja” und denke, dass ich das Thema besser nicht hätte anschneiden sollen. Ich warte im Stillen, ob ich Sehnsucht in seiner Stimme höre. Zu meiner Erleichterung entdecke ich keine. Dafür fällt es mir wenige Stunden später schwer, mich in den engen Flieger mit kühler Atmosphäre zu zwängen. Die Freundlichkeit auf den Gesichtern um mich herum wirkt nicht so entspannt wie dort bei den Feldarbeitern mit schwerem Tagespensum.

Cornelia Küffner

 

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